Wickys FCB dominanter als Fischers!

Raphael Wickys FCB war dominanter als Urs Fischers FCB!

«Raphael Wickys FCB war dominanter als Urs Fischers FCB!» Wie bitte?! Warum sollte der FCB diese Saison, trotz weniger Toren und Punkten, dominanter gespielt haben als unter Urs Fischer letzte Saison? FCBblog.ch hat sich einige Statistiken angesehen, die genau das vermuten lassen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Blogger von leading-sport.com, der die Daten für diesen Artikel zur Verfügung stellte. Ausserdem erfahrt ihr in diesem Artikel, warum der FCB, im Vergleich zur letzten Saison, so viel schlechtere Resultate einfährt:

Toni Kroos der Überspieler

Diese Geschichte beginnt im grossen Kanton. An der EM 2016 wurde im Deutschen Fernsehen die «Packing-Rate» als neuestes Statistik-Wunderheilmittel ins Bewusstsein der Zuschauer befördert. Endlich sollte man damit diejenigen Fussballer besser bewerten können, die wichtig im Spielaufbau sind, aber so gut wie nie auf der Scorer-Liste auftauchen. Den Toni Kroos, Xhabi Alonsos und Granit Xhakas der Fussballzunft, die zwar vorher bereits als geniale Fussballer bekannt waren, wurde nun auch mit einer Statistik Genüge getan. Es war ein vorläufiger Höhepunkt, was den Wert von Statistikanalysen im Fernsehen betrifft. In jedem Spiel der EM wurden nun Spieler auf ihre «Packing-Rate» untersucht und in Einzelszenen zeigte man wie viele Spieler Toni Kroos nun wieder mit einem genialen Pass «überspielt», also in neudenglisch «gepackt» hatte. Die Genialität des tiefen Sechsers als Spielmacher wurde quantifizierbar gemacht.

Zerstört diese Quantifizierbarkeit eine gewisse Magie des Fussballs? Eine Frage die sich dem Fussballphilosophen in mir unweigerlich stellt, mit der ich mich in diesem Artikel aber nicht weiter beschäftigen möchte.

Warum das Fernsehen Statistiken völlig falsch versteht

Mit der «Packing-Rate» erschien im deutschsprachigen Fernsehen zum ersten Mal die Spitze des Eisbergs von computergestützten Datenanalysen an der Oberfläche, die mittlerweile von zahlreichen Proficlubs betrieben werden. Fast jeder Club, der etwas auf sich hält, beschäftigt heutzutage einen oder mehrere Sportanalytiker für die Statistikerhebung und Auswertung dieser Statistiken zum Vorteil des Clubs. Beim FC Basel wird diese Position evtl. vom Leistungsdiagnostiker Michael Müller eingenommen. Es ist nicht ganz klar, ob er nicht in erster Linie für Gesundheitsdaten der Spieler verantwortlich ist, dann wäre ein eigens dafür angestellter Datenanalytiker beim FCB noch nicht vorhanden.

Zurück zur ARD: Diese hat den Mehrwert der neuen Statistik nicht erfasst. Das Fernsehen hat grundsätzlich grosse Mühe Statistiken sinnvoll einzuordnen. Die schnelllebige Berichterstattung befasst sich meistens nur mit dem vergangenen Spiel und versucht Antworten darauf zu finden, warum nun Team A und nicht Team B den übertragenen Match gewonnen hat. Diese Fragen können sicher auch mit computergestützten «Big Data»-Analysen untersucht werden, aber allzu «big» sind die Datensätze aus einem einzigen Spiel nicht. Der grösste Vorteil von Computer Analysen ist, dass man riesige – und ich meinen riesige (#Cambridge Analytica) – Datensätze über lange Zeiträume analysieren kann. «Big Data» eignet sich also eher dazu Fragen zu beantworten, die einen längeren Zeitraum betreffen. Zum Beispiel warum Team A und nicht Team B die Meisterschaft gewonnen hat.

Expected Goals

Wer sich lieber mit der Premier League, statt der Bundesliga beschäftigt, wer also «Match of the Day» der «Sportschau» vorzieht, dem dürfte in den letzten beiden Saisons ebenfalls eine neue Statistik aufgefallen sein, die jeweils während der Interviews nach der Spielzusammenfassung eingeblendet wird: Expected Goals (ExpG). Bei dieser Statistik werden alle Torchancen eines Spiels erfasst und jeder Chance wird nach bestimmten Faktoren ein Wert beigemessen. Ein Abschluss im Fünfmeterraum hat einen höheren ExpG-Wert als ein Schuss aus 30 Metern.

Auch in England hat das Fernsehen den Mehrwert dieser Statistik nicht verstanden und nutzt sie vor allem zur Analyse einzelner Partien. Die Post-Game-Analyse war jedoch nie das vorrangige Ziel für die Entwickler solcher Modelle. Entstanden sind diese nämlich im Umfeld der englischen Wettbüros, das Ziel war immer der Blick in die Glaskugel. Es ging darum Teams ausfindig zu machen, die gerade mehr oder weniger zufällig einen schlechten («underperformer») oder guten Lauf («overperformer») hatten und dadurch die Wettquote zu schlagen. «Expected Goals»-Modelle stellen den zurzeit letzten Stand der Technik dar, wenn es darum geht zukünftige Resultate und Ligaplatzierungen vorherzusagen. Der extreme Aufwand, alle Faktoren auszuwerten, hat aber dazu geführt, dass die hierfür notwendigen Daten fast nur in der Premier League erhoben werden.

Total Shots Ratio (TSR) / Shots on Target Ratio (STR) / Conversion Rate (CR)

In der Schweiz sind wir weit davon entfernt, diese Daten zur Verfügung zu haben. Wir müssen uns deshalb mit etwas älteren Modellen auseinandersetzen, denn natürlich gab es im wett-verrückten Britannien bereits früher zahlreiche Statistiken um den Wettanbieter zu schlagen, die zumindest eine bessere Korrelation für den Blick in die Glaskugel anzubieten haben als der Blick auf den Totomat. Wichtig für unsere Analyse sind drei davon:

Total Shots Ratio (TSR)

Formel:(Alle Schüsse Team A) / (Alle Schüsse Team A + Alle Schüsse Gegner) = TSR Team A

Die TSR zeigt wie dominant ein Team im Vergleich zu seinen Konkurrenten beim Abgeben von Schüssen generell ist.
Z.B.:      Basel 20 Schüsse vs. Thun 10 Schüsse
TSR Basel 0.67 vs. TSR Thun 0.33
Basel 10 Schüsse vs. Thun 10 Schüsse
TSR Basel 0.5 vs. TSR Thun 0.5

Shots on Target Ratio (STR)

Die STR funktioniert genau gleich wie die TSR, mit dem Unterschied, dass hier nur die Schüsse beachtet warden, die tatsächlich aufs Tor kommen. Es wird also weniger die generelle Dominanz betrachtet, sondern die Qualität der Schüsse/Chancen spielt eine grössere Rolle.

Conversion Rate (CR)

Was die beiden oben genannten Statistiken nicht erfassen können ist die Qualität der Abschlüsse. Hierfür eignet sich die Conversion Rate, die ebenfalls nach dem gleichen System funktioniert. Die CR vergleicht die Teams mit ihren Gegnern in Bezug auf die Chancenverwertung (wie viel Prozent von den Schüssen auf das Tor führen zum Torerfolg).

Z.B.:      Basel 2 Schüsse aufs Tor, davon 1 Tor vs. Thun 4 Schüsse aufs Tor, davon 1 Tor
=             Basel 50% Chancenverwertung vs. Thun 25% Chancenverwertung
=             CR Basel 0.67 vs. CR Thun 0.33

Alle drei Statistiken sind für ein einzelnes Spiel nur wenig aussagekräftig. Ihre Kraft erlangen sie erst durch die grossen Datenmengen, etwa beim Vergleich von ganzen Saisons miteinander. Genau das war für diesen Artikel möglich, dank der Daten von leading-sport.com.

Raphael Wicky und Urs Fischer im Vergleich

Wenn wir die erwähnten Statistiken für die letzten beiden Saisons und die aktuelle Rückrunde (ohne das Spiel gegen YB) in einer Grafik darstellen, dann sieht das folgendermassen aus:

Wicky und Fischer im Vergleich

Was auffällt ist, dass Wickys FCB in Bezug auf Dominanz und Chancenerarbeitung über die gesamte Saison gesehen deutlich besser abschneidet als Fischers FCB. Selbst in der Horrorrückrunde 2018 ist der FCB unter Wicky in diesen beiden Bereichen noch leicht stärker als unter Fischer. Warum also waren die Resultate unter Fischer so viel besser?

Hierfür müssen wir die Conversion Rate zu Rate ziehen. Unter Fischer wies der FCB hier einen Wert von 0.64 auf. Das bedeutet, dass der FCB, über alle seine Ligaspiele, fast doppelt so viele Schüsse aufs Tor verwertete wie seine Gegner. Im Umkehrschluss heisst dies, dass die Gegner vom FCB im Durchschnitt nur gegen Basel gewinnen konnten wenn sie doppelt so oft aufs Tor schossen wie der FCB. Das ist natürlich eine herausragende Quote des FCB und massgeblich an dieser eiskalten Chancenverwertung beteiligt waren die beiden Torjäger Seydou Doumbia und Marc Janko.

Diese wurden im Sommer wegtransferiert und unter Wicky ist der FCB, über die ganze Saison gesehen, sogar leicht schwächer in der durchschnittlichen Chancenverwertung als die jeweiligen Gegner. In der Winterpause wurde das Team mit den Abgängen von Steffen und Akanji weiter geschwächt – vor allem gingen zwei Spieler mit Selbstverständnis, Spielpraxis und Selbstvertrauen und wurden durch zwei Reservespieler ohne Selbstvertrauen ersetzt. Die mangelnde Qualität und das tiefe Selbstvertrauen machen sich auch in den Statistiken bemerkbar. Die Chancenverwertung ist, innert etwas mehr als einer halben Saison, zum Schwachpunkt des FCB geworden. Im Vergleich zu letzter Saison ist es nun fast schon umgekehrt: Um zu gewinnen muss der FCB fast doppelt so oft aufs Tor schiessen wie der Gegner. Die vergebenen 100-Prozentigen gegen YB sind leider auch statistisch kein Einzelfall.

Fazit: Die momentane Baisse des FCBs hat nur wenig mit Raphael Wicky zu tun. Die Phrase «der Trainer kann sie nicht selber reinhauen» passt zurzeit auf den FCB. Die insgesamt ungenügende Saison hat sehr viel mehr mit den Transfers zu tun. Im Angriff, und vor allem im Abschluss, hat man einfach zu viel Qualität ziehen lassen. Schade, man fragt sich was diese Saison möglich gewesen wäre, wenn der FCB nur ein bisschen weniger Sparkurs gefahren wäre und Seydou Doumbia behalten hätte. Der vermeintliche Königstransfer van Wolfswinkel war bisher leider einer der grössten Flops der letzten Jahre. Marco Strellers Baustelle Nr. 1 für den Sommer ist, in meinen Augen, wieder einen Kracher für den Abschluss zu holen.

So einer fehlt dem FCB zurzeit:

Wer mehr über die im Artikel erwähnten Statistiken, betreffend die anderen Teams der Schweizer Liga, erfahren will, dem sei hier folgender Artikel auf italienisch und englisch empfohlen: leading-sport.com

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